Supply Chain: Mangelnde Kostentransparenz bremst Optimierung

Walter Maderner | | Dezember 5, 2019

Die Kostentreiber der Lieferkette im Blick zu behalten ist mit Sicherheit eine der herausfordernsten Aufgaben im Supply Chain Management. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Unternehmen nur über ein rudimentäres Verständnis der Kostendynamik in der Logistik verfügen. Die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen den beeinflussenden Faktoren werden oft übersehen, was dazu führt, dass auf gegebene Umstände nicht adäquat reagiert werden kann. Denn ohne Kostentransparenz ist eine zielgerichtete Steigerung  der Effizienz unmöglich. Kostentreibermodelle können Licht ins Dunkel bringen. 

Eine Emporias Studie unter Industrieunternehmen mit mindestens 500 Millionen Euro Jahresumsatz ergab, dass ein Drittel der Personen mit Entscheidungskompetenz keine vollständige Kenntnis über die Gesamtkosten im Betrieb hat. Jede fünfte Person gab sogar an, dass sie in keinem Bereich der Wertschöpfungskette über eine gute Kostenübersicht verfügt. Das ist ein durchaus besorgniserregendes Ergebnis. Denn für eine zielgerichtete Steuerung braucht es die relevanten Kennzahlen.

In unseren Projekten erstellen wir aufgrund dieser Problematik für viele unserer Kunden  Kostentreibermodelle, die Aufschluss darüber geben, welche Einflussfaktoren in welchem Maß das Ergebnis beeinflussen und wie diese wechselseitig miteinander in Verbindung stehen. Im Folgenden zeigen wir anhand von vier konkreten Projektbeispielen  aus unserer Praxis, wie Kostentreibermodelle dabei helfen können, Klarheit in die trübe Zahlensuppe der Supply Chain Kostenrechnung zu bringen.

  • Optimierung durch Tourensortierung
    Für einen führenden Logistikdienstleister haben wir uns angesehen, welches Einsparungspotential durch die Optimierung der Zustelltouren realisiert werden kann. Zu diesem Zweck haben wir ein Kostentreibermodell erstellt, das die wesentlichen Einflussfaktoren der Zustellkosten miteinander verknüpft. Dafür muss man zunächst verstehen, welche Komponenten die Prozesskosten und -zeit beeinflussen und wie diese zusammenhängen. In dem Moment, in dem man das erkennt, wird für gewöhnlich auch klar, wo man ansetzen muss. Das ist der entscheidende Vorteil von Kostentreibermodellen – am Ende weiß man sehr konkret, was zu tun ist. Im speziellen Fall konnten wir Ineffizienzen beim Sortieren der Pakete im Depot identifizieren. Mithilfe des eigens entworfenen Kostentreibermodells haben wir einen neuen Prozess entworfen, der die Kapazitäten der Personen im Zustelldepot optimal nutzt. Das hat zu einer signifikanten Effizienzsteigerung geführt. Die Bearbeitung eines Pakets im Zustelldepot konnte so von  55 auf 18 Sekunden reduziert werden. Diese Verbesserung wurde durch eine optimierte Sequenzierung der Arbeitsschritte möglich.

  • Verursachungsgerechtes Pricing eines Vertragsprüfungsprozesses
    Ein Hersteller von Komponenten für den Schweißbedarf hat sich an uns gewandt, um Klarheit über die Kosten für seinen Vertragsprüfungsprozess zu erlangen. Da die Produktion derartig komplexer Komponenten mit strengen Sicherheitsvorkehrungen verbunden ist und im Vertragsprüfungsprozess enge Auflagen erfüllt werden müssen, fallen dabei entsprechend hohe Kosten an. Die Beteiligung mehrerer technischer Funktionen (Qualitätssicherung, Vertragsprüfung, F&E, Produktionsplanung, Vertrieb) hat den Komplexitätsgrad des Vertragsprüfungsprozesses zusätzlich erhöht und die Gesamtkosten noch mehr verschleiert. Erst eine saubere Aufnahme der Teilprozesse und der involvierten Ressourcen und die Erstellung eines Kostenreibermodelles führte zu einer Klassifizierung der Vertragsprüfungen. Auf deren Grundlage konnte in Folge ein verursachungs- und kostengerechtes  Preismodell entwickelt werden.
  • Objektivierung von Transferpreisen
    In internationalen Paketnetzen werden Zustellleistungen, die über die eigenen Landesgrenzen hinausgehen, von ausländischen Partnern zugekauft. Die Einlieferpreise sollten dabei kostenbasiert erfolgen. Mangelnde Transparenz zwischen den Partnern führt allerdings oft zu Verhandlungssituationen, die weitab der Kosten liegen. Im Rahmen eines unserer Projekte haben wir ein Kostentreibermodell erstellt, das zu einer Objektivierung der Transferpreisthematik beigetragen hat. Dafür haben wir auf europäischer Ebene ein Zustellnetz simuliert und basierend auf den Marktdaten der jeweiligen Länder ein Prozessmodell gebaut. Das Ergebnis des Modells hat gezeigt, wie das Relief der Transferpreise zwischen den verschiedenen Ländern aussehen müsste. Auf dieser Grundlage wurden die Preisverhandlungen um das Clearing der zugekauften Leistungen neu angestoßen und kostenbasierte Preise implementiert.
  • Optimierungsmaßnahmen in der Produktion
    In der industriellen Produktion gibt es für gewöhnlich viele Faktoren, die man nicht beeinflussen kann. Umso mehr zahlt es sich aus, genau über jene Bescheid zu wissen, die man als Unternehmen selbst in der Hand hat. Bei der Definition und Umsetzung von Optimierungsmaßnahmen erstellten wir ein Kostentreibermodell, das die Wirkungszusammenhänge im betrachteten Produktionsschritt abbildet. Meist wird nur einer der Kostentreiber durch eine Maßnahme beeinflusst, das finanzielle Ergebnis hängt aber auch von anderen Treibern ab. So führt die Verringerung der Taktzeiten einer Produktionsanlage zu einer höheren Produktivität, diese ist aber abhängig von den Dimensionen der bearbeiten Stücke. Wenn sich der Produktmix ändert, kann es so zu einer Veränderung des Effektes kommen. Eine saubere Darstellung als Treiberbaum erlaubt es, genau zu verstehen woher die Effekte kommen, und ob geplante Maßnahmen ordnungsgemäß umgesetzt wurden.

Supply Chain Kosten sind ihrem Wesen nach Prozesskosten. Als solche haben sie je nach Aktivität unterschiedliche Kostentreiber. Unsere Anwendungsfälle aus der Praxis zeigen: Nur eine verursachungsgerechte Kostenrechnung kann als Entscheidungsgrundlage für eine zielgerichtete Steuerung im Supply Chain Management dienen. Dafür ist es erforderlich, die Mengengerüste der Kostentreiber genau zu erfassen und verstehen, wie sie miteinander in Verbindung stehen. Das Kostentreibermodell hat sich für diesen Zweck als hilfreiches Tool erwiesen, welches  Klarheit über die Kostenstruktur schafft und konkrete Optimierungsmaßnahmen erkennen lässt. Am Weg zum SCM Champion führt heute kein Weg an Kostentreibermodellen vorbei. 

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Über den Autor

Walter Maderner

Dr. - Partner, Wien

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