GCI Manager Michael Schwarzmann im Interview: „Ich halte nichts davon, jedes Businessproblem in standardisierte Frameworks zu pressen.”

GCI Management | Juli 18, 2019

 

Einzigartige Herausforderungen brauchen individuell zugeschnittene Lösungen. Mit Konzepten von der Stange sei heute kein Krieg mehr zu gewinnen, sagt Michael Schwarzmann. Er setzt auf das Zusammenspiel zwischen Klient und Berater als Basis für innovative Ansätze. Was das mit Anzugmode zu tun hat und wieso er den großen Traum vom Exit nicht träumt, erzählt er im Interview.


Sie haben an der Wirtschaftsuniversität Wien, der University of Miami und der London School of Economics studiert. Danach sind Sie direkt in die Beratung eingestiegen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?
Ich habe im Zuge unterschiedlicher Praktika zwei sehr konträre Welten kennengelernt: Die der Beratung und die der Konzerne. Ich habe für mich festgestellt, dass die Beratung mir die Herausforderungen und Entfaltungsmöglichkeiten bieten wird, denen ich mich stellen wollte.

Hält der Job, was er verspricht? Und was hatten Sie sich eigentlich davon versprochen?
Ja, zumeist tut er das. Ich bin in den letzten Jahren des öfteren in den „Genuss” gekommen, meine Komfortzone zu verlassen und in fast allen Fällen wurde ich dafür mit der Genugtuung belohnt, Challenges gemeistert zu haben, die einem im ersten Moment durchaus Respekt einflößen. Das war es auch, was ich mir von meinen Job erhofft hatte – mich mit meinen Kollegen an einen Tisch setzen zu können und methodisch außerordentlich herausfordernde Fragestellungen anzugehen. Obwohl es oft mehrere Anläufe braucht, lernt man dabei, nicht das  Selbstverständnis zu verlieren, dass uns „immer noch irgendwas eingefallen ist”.

Zu Ihren Spezialgebieten zählt unter anderem die Stahlindustrie – eine Branche, deren Geschäftsmodelle sich in den letzten 20 Jahren durch neue Technologien und veränderte Wettbewerbsbedingungen grundlegend geändert haben. Wie hält man als Berater mit derart disruptiven Entwicklungen Schritt, ohne selbst ‚am Feld’ zu arbeiten?
Ich verstehe unsere Projektarbeit ja nicht als Einbahnstraße – wir lernen von unseren Klienten genauso wie diese das von uns tun. Um in diesem Zusammenspiel meine Rolle ausfüllen zu können, braucht es meiner Ansicht nach einige wesentliche Eigenschaften, die jeder gute Berater mit sich bringen sollte – eine schnelle Auffassungsgabe gepaart mit gesunder Neugier. Von Vorteil ist außerdem, dass wir in unseren Projekten nicht auf eine Industrie, wie die Stahlindustrie die Sie erwähnt haben, eingeschränkt sind. Learnings aus den Projekten in anderen Branchen und den Entwicklungen – die wir oftmals ja auch mitgestalten dürfen – können wir so auch in die Breite tragen.

Als Dienstleister von Industrien, die gravierenden Veränderungsprozessen unterworfen sind, ist auch die Beratungsbranche gezwungen, sich laufend neuen Anforderungen anzupassen. Von außen betrachtet tragen die Berater aber heute noch genau die gleichen Anzüge wie schon vor 20 Jahren. Tut sich da was?
:D da tun Sie unserem Berufsstand aber unrecht – auch wir gehen selbstverständlich mit der Mode ;) und das natürlich nicht nur unsere Garderobe betreffend. Mit den Konzepten der Berater der 90er-Jahre – die jedermann in x-beliebigen Handbüchern in jedem zweiten Buchladen kaufen könnte – ist in dem kompetitiven Umfeld, in dem wir uns befinden, mit Sicherheit kein Krieg zu gewinnen. Ich halte ja generell nicht sonderlich viel von verzweifelten Versuchen von so manchen Vertretern der Beraterzunft, möglichst jedes Businessproblem in standardisierte Frameworks zu pressen. Probleme zu strukturieren ist natürlich ein wesentlicher Teil unseres Jobs aber das nach Schema F zu versuchen – da bin ich skeptisch. Die Aufgabenstellungen, mit denen wir betraut werden, brauchen individuell zugeschnittene Lösungsansätze.

Würden Sie manchmal lieber mit Flip-Flops und Bermudas in ein Start-Up Büro gehen als gestriegelt zum Kunden zu fahren?
Nein. Die glitzernde Welt der Start-Ups mit all den „happy shiny people” umgeben von Ihrem Dunst aus Schall und Rauch ist keine in der ich mich sonderlich wohl fühlen würde. Ich glaube auch, dass ich meine Fähigkeiten am besten in dem Job einsetzen kann, den ich gerade mache. Den Träumen vom großen Exit hinterherzujagen – das überlasse ich lieber anderen.

Was ist Ihnen wichtiger: Persönliche Entfaltung oder Karriere?
Persönliche Entfaltung und Karriere. Auch wenn sich das jetzt relativ platt anhört, ich glaube nicht, dass es einem gelingen kann, die große Karriere zu machen und sich selbst dabei zu verbiegen.

Die Generation Y, zu der Sie auch zählen, ist dafür bekannt, Althergebrachtes in Frage zu stellen und neue Arbeits- und Lebensformen für sich zu entwickeln. Dabei geht es vor allem um das Infragestellen von starren Hierarchien, patriarchalen Führungsstilen und unethischem Verhalten. Die Generation Y will selbst denken, handeln und gestalten. Selbstbestimmt, mobil und flexibel arbeiten. Sie legt Wert auf Sinnhaftigkeit, Transparenz und Nachhaltigkeit bei der Arbeit. Finden Sie sich darin wieder?
Jetzt, da Sie den Begriff dieser Generation Y nochmal für mich spezifiziert haben, ja. Vermutlich aber nur bedingt aus eigenem Antrieb. Bei GCI ist von Tag 1 möglichst selbstständiges und selbstbestimmtes Denken, Handeln und Gestalten gefordert. Starre Hierarchien oder patriarchalen Führungsstile gehören ohnehin schon längst der Vergangenheit an. Aber auch während meiner Schul- und Studienzeit habe ich mir zuallererst die Sinnfrage gestellt – ich würde es Effizienz nennen, von so manchem meiner Professoren wurde mir ab und zu auch mal Faulheit unterstellt ...Aufgaben die ich nicht für sinnvoll befinde waren mir jedenfalls immer schon ein Dorn im Auge. In meinen ersten Jahren als Berater war mein Urteilsvermögen, diese Sinnhaftigkeit festzustellen, natürlich noch nicht sonderlich gut ausgeprägt. Tasks zu Priorisieren und auch mal zu sagen, „Werter Klient, vergessen’s das gleich mal, darauf sollten wir keine Ressourcen verschwenden” ist mittlerweile, dank der Schule die ich die letzten Jahre über genossen habe aber bestimmt eine meiner Stärken. Ob mich das allein zum Paradevertreter der Generation Y macht … weiß ich nicht so recht.

Schlägt sich das Denken gegen den Strich auch in Ihrem Zugang zu Beratungsprojekten nieder?
„Denken gegen den Strich” ist mir an dieser Stelle ein etwas zu übertriebener Ausdruck. Das erinnert mich zu sehr an eine pubertäre „ich bin dagegen”-Haltung gepaart mit „ich weiß alles besser”-Arroganz. Bestimmtes und kritisches Hinterfragen ist jedoch mit Sicherheit ein wesentliches Element in unserem Wirken.

Wie haben Sie die Sinnfrage für sich beantwortet? Welchen Mehrwert schaffen Sie in der Projektarbeit, der über Ihr persönliches Gehalt hinausgeht?
All unsere Klienten befinden sich in äußerst kompetitiven Märkten in denen es Raffinesse braucht, um im tagtäglichen Wettbewerb bestehen zu können. Dafür will ich meinen Beitrag leisten. Oft erlangen wir in der Projektarbeit, in der Tiefe der Analysen, im Detail, in dem wir unsere Modellierungen machen, Insights über das Geschäft unserer Klienten, die wir mit Ihnen teilen. Ich habe vorhin schon erwähnt, dass ich unsere Projektarbeit als Geben und Nehmen sehe. Gerne bin ich Schüler, ebenso gerne aber auch Lehrer für mein Gegenüber. Das empfinde ich als äußerst sinnstiftend. Was mir abgesehen davon noch ein besonderes Anliegen ist, ist jüngere Kollegen an den Erfahrungen die ich bereits sammeln durfte, teilhaben zu lassen.


Welche Werte stehen für Sie in der Beratungsarbeit außer Kompromiss?
Wir haben bereits viel über die Sinnfrage gesprochen. Ich würde hier eine weitere Dimension anführen. Beratertage aufzuwenden und abzurechnen nur weil es das verkaufte Projektvolumen erlauben würde, ohne den entsprechenden Mehrwert für den Klienten darstellen zu können würde mir widerstreben. Unsere Klienten bezahlen uns gut für die Leistung die wir erbringen und sollen dafür auch mit dem Wissen belohnt werden, dass ich meine Ressourcen behutsam und möglichst effizient einsetze.

Fehlt Ihnen in Projekten manchmal die Möglichkeit, selbst mitzugestalten statt nur zu beraten?
Bei dem ein oder anderen Projekt hätte mich die Umsetzungsbegleitung schon sehr interessiert. Nach einigen Monaten des Rechnens und der Simulationen auch zu sehen, wie sich die empfohlenen Handlungen in der Organisation fortpflanzen, hat schon seinen Reiz. Nachdem einige unserer Kunden aber immer wieder auf unsere Dienste zurückgreifen, bekomme ich zumindest über Umwege oft die Gelegenheit, auch in späteren Phasen der Umsetzung noch Einblicke zu erhaschen. Es tut gut zu wissen, dass die abgegebenen Empfehlungen fruchten.

Und wer sind Sie eigentlich, wenn Sie gerade nicht Berater sind?
Wenn ich nicht Berater bin, bin ich begeisterter Gelegenheitssportler und semiprofessioneller, mit Schürze und kühlem Bier bewaffneter, Grillmeister der sich an Wochenenden nur in solch philosophischen Interviews mit der großen Sinnfrage konfrontieren muss ;)

 

 

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