Denver - Ein Business Hub im Kommen

Gregor Vogrin | Juli 10, 2018

 

Je globalisierter der Weltmarkt, desto mehr Ressourcen fliegen den attraktivsten Regionen zu. Damit gewinnen Hubs und Cluster im heutigen Unternehmensumfeld zunehmend an Bedeutung. Alfred Marshall hat bereits 1891 aufgezeigt, dass Unternehmen bei der Standortwahl aus drei guten Gründen die Nähe zueinander suchen: ein üppiges Arbeitskräfte-Angebot, enge Lieferantenbeziehungen und die Wissensübertragung zwischen Mitbewerbern. In Bezug auf Denver sei ergänzt: Die mehr als 4.000 Meter hohen Rocky Mountains, die mit Vail, Beaver Creek und Aspen sowohl im Sommer als auch im Winter locken. Und mehr als 300 Sonnentage im Jahr. So punktet Colorado auch mit Lebensqualität als Standortfaktor.


 

Denver-Clan 4.0

Wer an Denver denkt, assoziiert damit oft spontan immer noch Blake Carrington, den Ölmagnaten, seine blonde, gutherzige Frau Krystle und die biestige Ex Alexis aus der 1980er-Kultserie “Der Denver-Clan”. Öl und Gas spielen zwar nach wie vor eine Rolle, abgesehen davon hat sich in Denver aber einiges getan in den letzten 40 Jahren. Die Denver Metropolitan Area am Fuße der Rocky Mountains besteht aus mehreren zusammengewachsenen Gemeinden, zählt knapp 3,5 Millionen Einwohner und ist eines der am schnellsten wachsenden Ballungszentren der USA. Das Dreieck Denver-Boulder-Fort Collins hat sich zu einem bedeutsamen Business- und Tech-Hub entwickelt: Wer nicht gleich den Hauptsitz hierher verlegt, wie zum Beispiel der weltweit 2. größte Dialyse-Anbieter DaVita, kommt oftmals mit großen Operations. Paradebeispiele sind Internet-Giganten wie Google oder Amerikas führender Investment- & Pensionsfund Charles Schwab. Oder bald vielleicht auch Amazon: Denver ist auf der Shortlist für den neuen zweiten Hauptstandort HQ2.

 

Nette Nachbarn

Colorado und Denver im Speziellen bieten eine ausgezeichnete Mischung aus Old und New Economy und setzen auf 14 Schlüsselindustrien mit Zukunftspotenzial: Advanced Manufacturing, Aerospace, Bioscience, Creative Industries, Defense, Electronics, Energy & Natural Resources, Food & Agriculture, Health & Wellness, Infrastructure Engineering, Technology & IT, Tourism & Outdoor Recreation sowie Transportation & Logistics. Rund um die großen Player wie Ball Aerospace, Lockheed Martin, Raytheon, Arrow Electronics, Horizon Organic, Level 3, Dish, Liberty Global, Alterra Mountain, Vail Resort, Western Union und CH2M haben sich kleine und mittelgroße Zulieferer angesiedelt. Diese Vielfalt an wirtschaftlichen Kompetenzfeldern in Kombination mit dem im US-Vergleich top-qualifizierten Arbeitskräfte-Angebot, sowie einer guten Prise Venture Capital und Private Equity schaffen einen fruchtbaren Boden für eine starke lokale Wirtschaft. Dass die Konjunkturentwicklung seit Jahren signifikant über dem US-Durchschnitt liegt, spricht für Denvers solides Wachstumspotenzial. Das haben offensichtlich auch viele Amerikaner erkannt, denn mit knapp 100.000 Zuzügen pro Jahr liegt Colorado an 2. Stelle im US-weiten Ranking der am schnellsten wachsenden Bundesstaaten.

 

Grüner Goldrausch

Colorado ist innerhalb der USA seit vielen Jahren ein grüner Vorreiter. Mit den National Renewable Energy Laboratories (NREL), dem wichtigsten Thinktank der US Regierung, beheimatet der Staat nicht nur ein Milliarden-Budget und zahlreiche Renewable Energy Initiativen, sondern auch das größte Vestas Werk für Windturbinen. Auch Siemens betreibt ein strategisch bedeutsames Forschungs- und Entwicklungszentrum für erneuerbare Energien in Colorado. Apropos Nachhaltigkeit: Nachdem Kimbal Musk gemeinsam mit seinem Bruder Elon Paypal 2004 für 1,5 Milliarden Dollar an eBay verkauft hat, zog er nach Boulder, sattelte vom Tech-Investor auf Gastwirt um und eröffnete “The Kitchen”. Ein hippes Restaurant mit viel Charme, das urbane Gerichte mit internationalem Touch serviert und alle Zutaten von Bio-Bauern aus der Umgebung bezieht. Das Konzept ging auf – “The Kitchen” ist mittlerweile eine US-weit expandierende Gasthaus-Kette.

 

Lebensqualität ist anziehend

Denver ist eine der wenigen Millionenstädte, die als Wirtschaftsstandort genauso attraktiv ist wie als Wohnort. Die Stadt gewinnt das Herz von Naturliebhabern sowohl durch großzügigen städtischen Grünraum, als auch durch die umliegende Naturlandschaft. Der Nationalpark und das hochalpine Gebirge bieten Freizeit- und Erholungsraum zum Wandern, Rad- oder Skifahren. Die Lebenserhaltungskosten sind trotzdem immer noch leistbar bzw. sogar günstig im Vergleich zur Küstenregion, Silicon Valley oder New York, Boston und Washington. Genau das Richtige für alle, die hinsichtlich ihrer Work-Life-Balance neben Nachhaltigkeit und Natur auch Wert auf leistbares Wohnen und gute öffentliche Bildungseinrichtungen legen, dabei aber gleichzeitig ein herausforderndes, internationales Arbeitsumfeld im Großstadtkontext suchen. Die Legalisierung von Marihuana soll als Extra-Zuckerl für die Millennials nochmals das ihre dazu beitragen.

 

Nabel der USA

Neben dem dynamischen Wirtschaftsklima in den genannten Schlüsselindustrien kommt dem Standort besondere Attraktivität durch seine geografische Lage zu. Die potenziellen Kunden und Go-To-Business-Places von österreichischen Playern verteilen sich in den meisten Fällen über das ganze Land. Denver ist zentral gelegen, der moderne Flughafen – der mit 62 Millionen Passagieren pro Jahr vergleichbar mit Frankfurt und der 5. größte der USA ist – verbindet alle wichtigen US Business Hubs an der Ost- und Westküste sowie Chicago und Texas in nur 1 bis 3 Stunden Flugzeit. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Eine direkte Anreise von Wien aus ist leider nicht möglich. Aus München gibt es einen Direktanschluss, alternativ fliegt man an die Ostküste und steigt einmal um.

 

Goodbye Österreich! Die Auswanderer

Wirtschaftschancen für österreichische Unternehmen gibt es in den USA etliche. Eine Reihe von österreichischen Firmen sind Ihnen nach Colorado schon vorausgegangen: Die voestalpine produziert Weichen, Pewag Schneeketten und Swarco Spezialanstriche für die Verkehrsindustrie. Die Maschinenbauer Komptech Farwick, Binder+Co und APV Landmaschinen, aber auch junge Software- und Tech-Unternehmen wie zum Beispiel Connecting Software, Nousguide oder Geoprospectors, haben hier ihren US Sitz. Der Skilift-Gigant Doppelmayr hat natürlich ebenfalls eine lokale Niederlassung.

 

„Show me the money!“

Dass sich ein Umzug am Ende finanziell rentieren muss, ist selbstverständlich. Bei aller Liebe zur Natur und zum guten Leben gilt für Unternehmen auch hier die berühmte Catch Phrase aus dem Film Jerry Maguire: „Show me the money!“ Ein viel zitierter Sager, der beschreibend ist für die Wirtschaftsphilosophie der USA im Allgemeinen und auch von Colorado im Speziellen. Dennoch begegnen einem die Leute in Denver einen Tick freundlicher und offener als in Kontinentaleuropa oder in anderen Hotspots Amerikas. Das erkennt man auf den ersten Blick beim “Aufzug-Test”. In Wien schaut man krampfhaft zu Boden, in New York auf halber Höhe am Gegenüber vorbei, in Chicago schaut man sich vielleicht schon kurz in die Augen. In Denver nickt man sich zu, redet kurz über die Denver Broncos (die hoffentlich das letzte Football Spiel gewonnen haben), eine Bergwanderung oder den letzten Ausflug zum Tiefschneefahren. So geht Feelgood Business im Tirol der USA!

 

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Über den Autor

Gregor Vogrin

Managing Partner, Denver

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