Wieso die Börse mehr ist als ein reiner Geldmarkt

Markus Wenner | August 8, 2019

Geld ist nicht alles. Das gilt auch beim Börsengang. GCI Managing Partner Markus Wenner kennt das Aktiengeschäft: Seit vielen Jahren begleitet er erfolgreich mittelständische Unternehmen beim Gang an die Börse. Im Interview erzählt er, wieso dabei oft viel mehr herausschaut als ein Sack voll Cash.

 

Worauf kommt es bei einem gelungenen Börsengang an?

Beim klassischen Gang an die Börse kommt es vor allen Dingen auf eines an - den richtigen Zeitpunkt. Dafür muss man zunächst die Hintergründe verstehen: Bei einer klassischen Erstnotierung erfolgt eine Kapitalerhöhung durch die Ausgabe neuer Aktien die dann gemeinsam mit den bestehenden Aktien der Gesellschaft an der Börse gehandelt werden. Manchmal verkaufen die Altaktionär/innen im selben Zug auch einige ihrer Aktien. Vom Zeitpunkt her fällt die Notierungsaufnahme und das Einwerben von neuem Kapital in der Regel zusammen. Dabei treten zwei gegenläufige Interessen zutage: Zum einen möchten jene, die Aktien zeichnen, einen günstigen Preis dafür bezahlen. Die bestehenden Aktionär/innen wollen dagegen eine möglichst hohe Bewertung Ihrer Anteile erreichen bzw. zu einem möglichst hohen Kurs verkaufen.

Um einen optimalen Preis erzielen zu können, muss die Börsenstimmung günstig sein. Es gibt viele Unsicherheitsfaktoren, die hier mit hineinspielen. Den idealen Zeitpunkt abzupassen ist also mit hoher Anspannung verbunden. Und zudem mit hohen Kosten. Denn ein Unternehmen, das an die Börse geht, braucht eine Bank, die das entsprechende Kapital vorfinanziert. Diese Zwischenübernahme der Aktien und das damit verbundene Risiko lässt sich die Bank selbstverständlich gut bezahlen. Ein klassischer Börsengang ist dementsprechend teuer.

Nur wer strukturell entsprechend aufgestellt ist, um diesen Prozess zu bewältigen, starke Nerven hat und bereit ist, das entsprechende Kostenrisiko zu tragen, wird einen klassischen Börsengang erfolgreich gestalten können.

 

Inwiefern können Beratungen dabei helfen, den Börsengang erfolgreich über die Bühne zu bringen?

Wir bei GCI haben unsere Kompetenz als börsenbegleitende Beratung aus unseren eigenen Erfahrungen gewonnen: Unsere ehemalige Muttergesellschaft GCI Management AG ging 2000 nämlich selbst an die Börse - die Firma heißt heute MS Industrie AG und hat sich seitdem stark entwickelt. Dadurch haben wir den Börsengang sozusagen am eigenen Leib erfahren. Wir haben die Herausforderungen dabei selbst erlebt und im Zuge dessen festgestellt, was für mittelständische Unternehmen beim Börsengang wichtig ist. Das ist es auch, worauf wir uns heute spezialisieren: Die Begleitung von mittelständischen Unternehmen an die Börse, sogenannte Micro- und Small-Caps - also jene Firmen mit einer niedrigen Marktkapitalisierung von 50 bis 300 Mio. Euro.

In diesem Zusammenhang haben wir auch ein Modell des Börsengangs entwickelt, der die eingangs erwähnten Herausforderungen der Erstnotiz (mit den zugehörigen regulatorischen Anforderungen), von der Kapitalbeschaffung trennt und dem Unternehmen damit die Möglichkeit gibt, einen Börsengang – unabhängig vom Börsenumfeld – sicher und kostengünstig zu erreichen. Es findet damit sozusagen eine schrittweise Gewöhnung an die neue Börsenwelt statt und kein Sprung ins kalte Wasser.

 

Sie sagen, es kommt zu einem hohen Maß auf die Börsenstimmung an. Wie würden Sie das derzeitige Klima in Deutschland und Österreich beschreiben?

Der inzwischen fast 20 Jahre zurückliegende, sogenannte Neue Markt, das Platzen der Dotcom-Blase und damit das Ende der Euphorie um die technologiebasierte New Economy haben deutsche und österreichische Aktionär/innen skeptisch zurückgelassen. Seit den 2000er Jahren haben die Börsen in der subjektiven Wahrnehmung der Kleinanlegenden eine Art Glücksspiel-Charakter angenommen. Die Finanzkrise von 2008/09 hat diese Wahrnehmung noch verstärkt. Die Nachfrage nach Börsengängen bzw. Aktien hält sich bei der breiten Masse der Bevölkerung dementsprechend in Grenzen. Privatanlegende greifen stattdessen tendenziell auf Lebens- und Pensionsversicherungen, Immobilien oder Sparbücher zurück. Nach 10 Jahren der Niedrigzinsen lässt sich zwar ein leichter Positivtrend erkennen, aber generell muss man sagen, dass die Aktie derzeit kein besonders beliebtes Anlageinstrument im deutschsprachigen Raum ist. Das ist auch der Grund dafür, dass heute nur noch wenige Unternehmen den Weg an die Börse antreten. 2018 waren es in Deutschland beispielsweise weniger als 20 (Aufspaltungen von Großkonzernen eingeschlossen).

 
 
Das Börsenumfeld für Neuemissionen im deutschsprachigen Raum ist also derzeit ein sehr zurückhaltendes. Wieso kann es dennoch sinnvoll sein, Überlegungen in Richtung Börsengang anzustellen?

Neben dem Zugang zu Eigenkapital lässt sich durch den Gang an die Börse nach meiner Erfahrung auch ein erhebliches Lern- und Entwicklungspotenzial erschließen. Gelingt es, die spezialisierten Investierenden inhaltlich zu involvieren, kann man in ihnen Mitunternehmer/innen finden, die mitdenken, wertvolle Anstöße geben und ihr Netzwerk teilen. Darin liegt auch der größte Unterschied zum klassischen inhabergeführten, mittelständischen Unternehmen bei dem gegenüber niemandem Rechenschaft abgelegt werden muss. Im Börsenumfeld werden die Unternehmer/innen immer wieder herausgefordert, sie müssen sich mit ihren Ideen ständig dem kritischen Blick von außen stellen. Dieses „kostenlose“ Sparring kann ein immenser Mehrwert sein, sofern man sich offen darauf einlässt sowie lern- und umsetzungswillig ist.

Oft wird der Börsengang nur auf den Finanzierungsaspekt reduziert. Die vielversprechendsten Kandidat/innen für die Börse sind unserer Erfahrung nach allerdings jene, die unmittelbar gar keine Finanzierung benötigen sondern eher belastbare Wachstumspfade absichern wollen. Der Börsengang ist mit einer Vorlaufzeit von ca. ein bis zwei Jahren ohnehin keine geeignete Option für Unternehmen, die schnell Kapital brauchen. Vielmehr sichert man sich dadurch langfristig Eigenkapitalzugänge und erhöht die Unabhängigkeit des Unternehmens von der Unternehmerpersönlichkeit.

Auch die Diversifikation der Vermögensanlage der Gründer/innen kann ein Motiv für den Börsengang sein. Typischerweise steckt das überwiegende Kapital der Unternehmer/innen bis zum Börsengang in der Firma. Durch einen teilweisen Aktienverkauf über die Jahre, kann das Vermögen der Unternehmer/innen auf mehrere Vermögensanlagen gestreut werden, ohne dabei einen wesentlichen Kontrollverlust im Unternehmen fürchten zu müssen.

 

Wer an die Börse geht, unterwirft sich strengen Berichtspflichten. Wie groß ist die bürokratische Hürde beim Börsengang?

Der bürokratische Aufwand hängt zu einem hohen Maß vom Segment ab, in das man einsteigt. In den kleineren Segmenten kommen vereinfachte Regeln zur Anwendung, die mit vergleichsweise niedrigem Aufwand verbunden sind. Ab einer gewissen strukturellen Größe und mithilfe von professionellem Coaching lässt sich dieser erfahrungsgemäß gut bewältigen. Zudem können externe Berichtspflichten auch als Chance verstanden werden, um intern mehr Transparenz und Struktur zu schaffen und die Unternehmenssteuerung parallel zum Unternehmenswachstum auf ein neues, professionelleres Niveau zu heben.

 

Kann man auch als junges, noch kleines Unternehmen an die Börse gehen?

Natürlich kann man grundsätzlich auch ein Unternehmen mit 5 Mio. Euro Umsatz an die Börse bringen, wenn es über eine sehr innovative Technologie bzw. ein sehr innovatives Geschäftsmodell verfügt, sehr schnell wächst und mittelfristig hoch profitabel sein kann. Im Normalfall sollte das Unternehmen dennoch eine gewisse Mindestgröße haben, zumindest was die Strukturen betrifft - sonst lohnt sich der Börsengang im Hinblick auf den Aufwand vermutlich nicht und droht die Strukturen des Unternehmens zu überfordern.

 

Wer beteiligt sich an sogenannten Micro- und Small-Caps?

Das sind in erster Linie nicht mehr die Oma Erna und der Onkel Fritz, die das in der Zeitung gelesen haben, sondern spezialisierte, institutionelle Investierende - das sind Spezialfonds, Pensionskassen, Vermögensverwaltungen, Family Offices - also im Generellen Leute, die viel Erfahrung mit mittelständischen Unternehmen und ein großes Kapitalmarkt-Know-how besitzen. Diese Investierenden bringen nicht nur Kapital ins Unternehmen ein, sondern auch Wissen und Netzwerke - speziell für Micro- und Small-Caps können das wertvolle Ressourcen sein.

 

Auf den Punkt gebracht: Was ist der wichtigste Erfolgsfaktor beim Gang an die Börse?

Begabte Unternehmer/innen, die ihr Geschäftsmodell beherrschen und ständig an Weiterentwicklung, Prozessverbesserung und Innovation interessiert sind. Wenn man es diesen ermöglicht, an die Börse zu gehen und sie offen für den Input der Investor/innen sind, dann kann sich über die Jahre eine Eigendynamik entwickeln, die dem Unternehmen heute ungeahnte Chancen eröffnet.

 

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Über den Autor

Markus Wenner

Managing Partner, München

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